Wie viele Rehkitze werden getötet?

Wie viele Rehkitze werden getötet?

Wie viele Rehkitze werden getötet?

Die Zahl der insgesamt bei der Mahd ums Leben kommenden Rehkitze kann einerseits aus den Zahlen gemeldeter Tötungen und andererseits aus Zahlen erfolgreicher Kitzsuchen (verhinderter Tötungen) vor der Mahd durch Hochrechnung ermittelt werden. Als Bezugsgrößen dienen die jagdliche Fläche, oder auch die jagdliche Strecke (Zahl der jagdlich erlegten Rehe). Naturgemäß sind derartige Schätzungen mit einer Unsicherheit behaftet, die kritisch in die Analysen einbezogen wird. Seit längerer Zeit wird in die Zahl von in Deutschland jährlich 100.000 bei der Mahd getöteter Kitze in Fachkreisen als realistisch angesehen.

Schätzung auf der Grundlage gemeldeter Todesfälle.

Es wird hier als Beispiel eine Schätzung für das Jagdjahr 2009/2010 nachvollzogen. Sie basiert auf Zahlen von Tötungen bei der Mahd, die dem Landesjagdverband Bayern gemeldet wurden. Folgende Zahlen werden verwendet: Die jagdliche Fläche Deutschlands beträgt 32,0 Mio. ha, die Bayerns 6,7 Mio. ha. Die Rehwildstrecke umfasste im Jagdjahr 2009/2010 in Deutschland ca. 1.150.000 Stück, in Bayern ca. 300.000. Die Anzahl der Jagdreviere in Bayern beträgt etwa 12.000. Aufgrund der dem Bayerischen Jagdverband zugegangenen Meldungen ergibt sich bei einer vorsichtigen Schätzung durchschnittlich eine Anzahl von 2 ausgemähten Rehkitzen pro Revier und Jahr.

Daraus resultieren für ganz Bayern insgesamt 24.000 oder ca. 0,36 getötete Kitze je 100 ha jagdlicher Fläche pro Jahr. Bezogen auf die Jagdstrecke von 300.000 wäre der Verlust durch die Mahd 8 %. Die Umrechnung auf die Jagdstrecke in Deutschland von 1.150.000 ergibt 92.000 getötete Kitze. Wird die Zahl auf die jagdliche Fläche in Bayern von 6,7 Mio. ha bezogen und auf die jagdliche Fläche Deutschlands von 32,0 Mio. ha umgerechnet, dann ergeben sich 115.000 getötete Rehkitze pro Jahr in Deutschland. Beide Zahlen lassen eine Schätzung von 100.000 als plausibel erscheinen.

Schätzung auf der Grundlage von Zahlen erfolgreicher Kitzsuchen vor der Mahd

In Oberösterreich werden seit vielen Jahre intensive Suchen nach Kitzen vor der Mahd von Hrn. Dr. Moser durchgeführt und auch mit anderen Jägern organisiert. Dabei wurden tragbare Infrarotsuchgeräte verwendet, deren Erfolgsrate bei rund 90 Prozent liegt. Alle Suchen werden sorgfältig dokumentiert. Im Jahre 2011 stellte Dr. Moser die nachfolgend zusammengestellten, aktuellen Zahlen zur Verfügung. Gesucht wurde unmittelbar vor der Mahd in 20 Revieren mit unterschiedlichen Strukturen im Bereich Oberösterreich, Niederösterreich, der Steiermark und Kärnten. Insgesamt wurden 639 Rehkitze auf 30.427 ha gefunden. Es wird angenommen, dass diese Kitze ohne Suche getötet worden wären. Im Mittel wurden also etwa 2,1 Rehkitze auf 100 ha Jagdrevierfläche gefunden, die höchste Dichte lag bei 6 Stück auf 100 ha Jagdrevierfläche, die niedrigste bei 0,4 auf 100 ha. Der Grünlandanteil in diesen Revieren schwankt zwischen 80 und 10 Prozent.

Bezogen auf die jagdliche Fläche ist die Zahl gefundener Kitze in (Teilen von) Österreich 5,8 mal so hoch, wie der als getötet gemeldeten in Bayern. Wären die Zahl aus Österreich auch in Deutschland zutreffend, ergäbe die Hochrechnung für ganz Deutschland 537.000 bis 671.000 Todesfälle.

Die beiden Beispiele aus Bayern und Teilen Österreichs zeigen beträchtliche Unterschiede bei den ermittelten Zahlen. Es werden aber auch grundsätzlich unterschiedliche Erhebungsmethoden verwendet. In Bayern werden gemeldete Tötungen gezählt, dabei ist die mögliche Unsicherheit sehr groß und schwer abzuschätzen. In Österreich werden mit vergleichsweise geringer Unsicherheit vermiedene Tötungen gezählt. Es ist zu erwarten, dass die Verwendung von Zahlen aus kleinen Erhebungsgebieten als Basis für Hochrechnungen auf große Regionen oder gar ganze Länder zu unsicheren Resultaten führen kann. Weitere und weiträumigere Untersuchungen über mehrere Jahre sind hier notwendig. Dabei sollten auch ergänzende Parameter erfasst werden, wie z. B.Wildbestand (Arten u. Zahlen, inkl. Beutegreifer Fuchs und Wolf), Revierstruktur,  Bewirtschaftung, u. ä.. Der zunehmende Einsatz luftgestützter Kitzsuche bietet hierfür gute Werkzeuge.

[Jar02] Anders Jarnemo. ”Roe deer Capreolus capreolus fawns and mowing – mortality rates and countermeasures”. In: Wildlife Biology (2002),S 211-218.

[Kal82] Jan Kaluzinski. „Roe deer mortality due to mechanization of work in agrocenosis”. In: Acta theriologica 27.30 (1982), S.449-455.

[Kit 79] L. Kittler. „Wildverluste durch den Einsatz landwirtschaftlicher Maschinen nach einer Erhebung aus dem Jagdjahr 1976/77 in Nordrhein-Westfalen“. In: Zeitschrift für Jagdwissenschaft 25 (1979), S. 22-32.

2019-04-28T10:52:59+00:00
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